Zoran "Zoki" Barisic im Blick zurück

"Eine große Mannschaft ist, wenn man trotz eines Rückschlags vom Boden aufsteht."
Brüssel, 8. Mai 1996: Der SK Rapid steht als erster österreichischer Verein knapp vor dem Finaltriumph im Fußball-Europacup. Das bittere 0:1 gegen Paris Saint Germain ist bis heute der letzte und knappste Versuch eines heimischen Clubs geblieben, einen europäischen Bewerb zu gewinnen.

Vom damaligen Endspiel in der belgischen Hauptstadt ist der heutige Assistenztrainer Zoran Barisic der "letzte Mohikaner" bei den Grün-Weißen. Der Freistoßspezialist und Edeltechniker war nach seiner Einwechslung zur Pause entscheidend am Umschwung beteiligt, der den Hütteldorfern fast noch den Ausgleich ermöglicht hätte.

Der 37-Jährige erinnert sich im Gespräch mit ORF.at an die sensationelle Saison der damaligen Erfolgsmannschaft, Typen, Geschichten und zieht Vergleiche mit der Gegenwart, wo Rapid am Donnerstag (20.45 Uhr, live in ORF1) mit der UEFA-Cup-Partie gegen den RSC Anderlecht nach elf Jahren erstmals wieder nach Brüssel zurückkehrt.

ORF.at: Was geht in Ihnen vor, wenn Sie an das Europacup-Finale vor elf Jahren in Brüssel zurückdenken? Welche Gefühle löst das aus?

Zoran Barisic: Einerseits Enttäuschung und Trauer, weil wir so knapp daran waren, österreichische Sportgeschichte zu schreiben. In einem "kleinen" Land hat man nicht so oft die Chance, als Mitwirkender in einem Europacup-Finale zu stehen. Andererseits Stolz auf das, was wir damals geleistet haben.

ORF.at: Stolz trotz der Niederlage oder wegen der Begleitumstände, weil die Mannschaft nach dem Spiel von den Fans wie ein Sieger gefeiert wurde?

Barisic: Was damals passierte, ist einzigartig. Uns haben über 12.000 Fans nach Brüssel begleitet, es hat Flüge, Sonderzüge, Busse und Autokarawanen gegeben. Nach dem Spiel hat man bei der Siegerehrung die Anhänger von Paris SG nicht gehört, weil sie von den Rapid-Fans einfach übertönt wurden. Wir wurden fast eine Stunde nach dem Schlusspfiff noch gefeiert, so etwas gibt es nur bei diesem Verein.

Es hat damals jeder gespürt, dass wir an diesem Tag etwas Großes verpasst haben. Vielleicht gibt es nie wieder so eine Gelegenheit. Wer dabei war, der weiß, was ich meine, und wird diese Riesenverabschiedung niemals vergessen. Wir waren ja wie Helden für unsere Fans, es hat damals gegenseitigen Respekt und Anerkennung gegeben, so etwas findet man nicht oft.

ORF.at: Ein gerechter Lohn für eine unglaubliche Saison, oder?

Barisic: Wir hatten damals nach dem Finale noch die Möglichkeit, in der Meisterschaft etwas Großes zu erreichen. Wir haben uns in einem "Endspiel" in der letzten Runde im ausverkauften Happel-Stadion gegen Sturm den Titel geholt, obwohl der Druck damals extrem groß war. Wir hatten trotz einer super Saison nichts in der Hand, aber wir haben gezeigt, dass wir eine große Mannschaft waren, weil wir nach einem Rückschlag aufgestanden sind.

ORF.at: Ein gutes Stichwort für die Gegenwart. Damit können die aktuellen Spieler also nach dem 1:5-Heimdebakel gegen Sturm am Donnerstag in Brüssel zeigen, ob sie auch eine "große" Mannschaft sind?

Barisic: Niederlagen oder Erlebnisse, die extrem wehtun, sind charakterbildend. Man muss nach Rückschlägen aufstehen und sie aus dem Kopf streichen. Es gilt, sich voll und ganz auf die nächste Aufgabe zu konzentrieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass auch die heutige Mannschaft den Rückschlag vom Samstag verkraften wird. Wir haben eine tolle Aufgabe vor uns. Wir sind gegen Anderlecht krasser Außenseiter, aber jeder Einzelne kann zeigen, dass er ein "Typ" ist.

ORF.at: "Typen", wie sie die damalige Rapid-Mannschaft mit Konsel, Iwanow, Kühbauer, Jancker und auch Barisic hatte. Sehen sie heute außer einem Hofmann solche Typen, die auch mal den Mund aufmachen, wenn es schlecht läuft?

Barisic: Zunächst einmal bin ich begeistert vom Charakter der heutigen Mannschaft. Auch diese Burschen werden es schaffen. Es gibt nicht immer nur Solisten, nur "Schweinehunde" oder nur brave Spieler. Es herrscht ein respektvoller Umgang, und wir haben es mit intelligenten Menschen zu tun, die eine eigene Meinung haben.

Allerdings zeigen sie es in einer anderen Form als zum Beispiel ein Didi Kühbauer. Es bringt auch nicht immer etwas, einen Spieler zusammenzustauchen, denn dann erreicht man oft, dass derjenige noch verunsicherter ist.

ORF.at: Sie selbst hatten mit dem damaligen Rapid-Trainer Ernst Dokupil ein - sagen wir - nicht gerade einfaches Verhältnis. Wie sehen Sie das aus der heutigen Sicht?

Barisic: Er ist in einer ganz besonderen Situation zu Rapid gekommen und hat zunächst einmal kräftig "ausgemistet". Dann hat er eine Mannschaft geformt, die in kürzester Zeit ins Europacup-Finale, zum Meistertitel und in die Champions League gestürmt ist. Er hat damals versucht, den Spaß zu fördern, und das war genau der richtige Ansatz. Man kann nur etwas gut machen, wenn man es gern macht. Egal, ob man Elektriker oder Fußballer ist. Ohne Spaß gibt es keine Leistung, auch wenn es einem nicht jeden Tag leichtfällt.

ORF.at: Für Zoran Barisic war dann irgendwann "Schluss mit lustig". Wie sehen Sie die Trennung von Rapid heute?

Barisic: Dokupil hat damals gemeint, ich sei ein "fauler Apfel" und für ihn "nicht mehr trainierbar". Das war für mich damals wie ein Kopfschuss. Es hat keinen Grund für die Suspendierung gegeben und diese Attacke von seiner Seite in der Öffentlichkeit. Ich war immer einer seiner Lieblingsspieler, wie er zuvor immer betont hatte, und dann das. Mich haben viele Journalisten angerufen und auf einen "Gegenschlag" von mir gehofft. Aber ich wollte mich nicht auf dieses Niveau begeben und Dokupil beleidigen.

Ich habe das in mich reingefresen und konnte ihm lange nicht einmal die Hand geben, wenn ich gegen Rapid gespielt habe. Es hat mir sehr wehgetan, aber irgendwann muss ein Mensch auch verzeihen können. Ich habe ihm zu seinem 60er gratuliert und schätze ihn heute als Menschen, der mit mir zusammen die größten Erfolge meiner Karriere gehabt hat. Es war vielleicht auch ein Fehler von mir, dass ich nicht von mir aus das Gespräch gesucht habe, weil ich mir keiner Schuld bewusst war. Aber ich war sicher das Gegenteil von einem faulen Apfel.

ORF.at: Wie sind sonst die Erinnerungen an die damalige Zeit bei Rapid?

Barisic: Es war für mich etwas Besonderes, für diesen Verein zu spielen. Wir hatten damals am Anfang, als Dokupil gekommen ist und der Verein durch den Ausgleich ums finanzielle Überleben gekämpft hat, eine ganz schwierige Situation. Plötzlich hat eine junge Mannschaft aber einen Fußball gespielt, der begeistert hat, und die Fans und die Erfolge sind wiedergekommen.

Eines möchte ich aber auch sagen: Damals hat man vieles vernachlässigt. Die damaligen Trainingsbedingungen waren katastrophal. Es gab keine Rasenheizung, dafür einen Rote-Erde- und einen "alten" Kunstrasenplatz - von den Bedingungen für den Nachwuchs gar nicht zu reden. Leider wurde verabsäumt, in die Infrastruktur und Nachhaltigkeit zu investieren, das hat man dann erst fast zehn Jahre später bei der zweiten Champions-League-Teilnahme gemacht.

Das Gespräch führte Christian Tragschitz, ORF.at

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