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Vorstellung der Extraklasse

Ryan Lochte gegen Michael Phelps war der programmierte Höhepunkt des ersten Tages im Olympiabecken. Doch eine 16-jährige Chinesin stahl den beiden US-Amerikanern die Show. Ye Shiwen war einen Tag nach ihrem Weltrekord über 400 m Lagen das Gesprächsthema im Olympic Park von London. Denn der chinesische Teenager zeigte den Männern im Fernduell die Fußsohlen.

Die 17.500 Besucher im Aquatic Center trauten am Samstag ihren Augen nicht. Nur knapp 15 Minuten nachdem Lochte die Goldmedaille für seinen Sieg über 400 m Lagen entgegengenommen hatte, setzte Ye im Damen-Finale in der gleichen Disziplin zum Schlussspurt an. Rund eine halbe Körperlänge hatte die Chinesin auf Weltmeisterin Elizabeth Beisel aus den USA nach der Brustlage Rückstand. Nach 25 m Kraul lag die 16-Jährige bereits dieselbe halbe Körperlänge auf ihre drei Jahre ältere Konkurrentin voran.

Die chinesische Olympiasiegerin Ye ShiwenGEPA/US Presswire/Rob SchumacherYe Shiwen pflügte wie ein Torpedo durchs Wasser

US-Stars sehen alt aus

Auf den letzten 25 Metern schien Ye noch zusätzliche Energien freizusetzen. Beisel kam mit fast drei Sekunden Verspätung ins Ziel, der Weltrekord der Australierin Stephanie Rice von 2008 war um mehr als eine Sekunde verbessert. Es war der erste Weltrekord der Spiele 2012 und der erste einer Frau seit dem Verbot der Hightech-Anzüge. „Das war sehr beeindruckend“, meinte auch US-Star Lochte. Noch beeindruckender: Der 27-Jährige hätte an diesem Abend das direkte Duell über die Kraul-Lage verloren.

Die chinesische Olympiasiegerin Ye Shiwen mit Blumen und GoldmedailleReuters/David GrayYe Shiwen strahlt mit ihrer Medaille um die Wette

Um drei Hundertstel war Ye auf den letzten 50 Metern schneller als ihr männliches Pendant. „Sie war sehr schnell. Wenn wir gegeneinander geschwommen wären, hätte sie mich möglicherweise geschlagen“, sagte Lochte. Beweis: Die letzten 25 Meter absolvierte die Chinesin in 28,83 Sekunden - 17 Hundertstel schneller als der US-Amerikaner. Auch Superstar Phelps sah gegen Ye im wahrsten Sinne des Wortes alt aus. Nach den ersten 25 Metern war die 16-Jährige um acht Hundertstel schneller als der achtfache Olympiasieger von 2008.

Keine chinesischen Roboter

Der Triumph der Chinesin rief aber sofort kritische Stimmen auf den Plan. Viele Beobachter vermuten hinter der plötzlichen Leistungsexplosion der jungen Schwimmerin nicht ganz koschere Methoden. Ye selbst wollte in der Stunde ihres bisher größten Triumphes davon nichts wissen. „Wir trainieren sehr gut auf wissenschaftlicher Basis“, sagte die 16-Jährige, „darum haben wir uns alle verbessert.“ Der Vorwurf, dass das chinesische Trainingssystem aus Menschen Robotern machen würde, kostete Ye nur ein Lächeln.

„Sicher nicht“, sagte die Schwimmerin, „ich bin einfach nur viel zu aufgeregt, um zu denken.“ Überraschend war vielleicht der Weltrekord, zu den Siegeskandidatinnen zählte Ye aber allemal. Immerhin setzte sie sich bereits 2011 bei der Heim-WM in Schanghai über 200 m Lagen die Weltmeisterkrone auf. Über diese Distanz gilt die Chinesin nun in London als Favoritin. Und nicht nur das Aquatic Center, sondern auch der Weltrekord der US-Amerikanerin Ariana Kukors (2:06,15 Min.) werden gehörig wackeln.

Karl Huber, ORF.at aus London

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Publiziert am 30.07.2012